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Psyche

Während einer stationären Behandlung sollen die Patienten an einen eigenverantwortlichen Umgang mit dem Diabetes herangeführt werden. Ohne Zweifel ist mit einer normalen Stoffwechseleinstellung das Risiko diabetischer Folgeerkrankungen erheblich zu verringern. Voraussetzung dafür ist gute Schulung, intensive Mitarbeit und ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit. Allein durch das Vermitteln von Wissen und Techniken ist eine erfolgreiche Selbstbehandlung oft nicht zu erreichen. Damit das für eine gute Stoffwechselführung notwendige  Verhalten zur Routine werden kann, dürfen Erleben und emotionale Bewältigung des Diabetes nicht vernachlässigt werden. Aus diesem Grund werden von Diplom-Psychologen geleitet Einzel- und Gruppentherapien durchgeführt.

Stress

Obwohl man sich in letzter Zeit keiner "Ernährungsverstöße" bewusst ist, man sich weder weniger bewegt noch gegen die "Medikamentenverordnung" verstoßen hat, zeigt die Blutzuckermessung beunruhigend hohe Werte. Häufg weiß man als Betroffener in diesem Zusammenhang über Aufregung und Stress zu berichten, über ständige oder immer wieder auftretende Ängste, Sorgen, Nöte, unbefriedigende zwischenmenschliche Beziehungen.

Sieht sich ein Mensch in seinen Bedürfnissen kurzfristig oder dauerhaft verletzt oder bedroht, entsteht eine Art alarmierende "Mobilmachung" des Organismus und Unbehagen. So wir etwa bei negativ empfundenen Gefühlslagen ein bestimmter Bereich im zwischenhirn erregt. Dabei werden psychische Reize bzw. Gefühle in Körperreaktionen umgesetzt, was zur Aktivierung des sympathischen Nervensystems sowie Ausschüttung von Hormonen (z.B. Adrenalin) führt. Dadurch verändern sich wichtige Körperfunktionen:

  • das Herz schlägt schneller
  • der Blutdruck steigt
  • die Aufmerksamkeit erhöht sich
  • Bewegungen können schneller ausgeführt werden

Auf die Dauer kann dieser Zustand, wenn er nicht von ausreichenden Entspannungsphasen abgelöst wird, aber auch die Gesundheit gefährden. Außerdem wird die Leber dabei zur Umsetzung von Glykogen in Glukose veranlasst. Das heißt, auch ohne zusätzliche Nahrungszufuhr erhöht sich der Blutzuckerspiegel.

Psychische Probleme

Von schwierigen Lebenssituationen und so genannten "psychischen Problemen" sind Diabetiker wie Stoffwechselgesunde gleichermaßen betroffen. beim Diabetiker ist allerdings zu beachten, dass sich z.B. Depressionen, Essstörungen oder Probleme mit Disziplin auch negativ auf die Selbstbehandlung auswirken können.

Nach langer Diabetesdauer und der ständigen Auseinandersetzung mit reell vorhandenen  Problemen wie z.B. Entgleisung und Hypoglykämie und der eigenen nicht immer angemessenen Reaktion darauf, aber auch bedingt durch Ängste vor Foplgeschäden (begründet oder unbegründet) entstehen bei Diabetikern häufiger als bei Nichtdiabetikern psychische Probleme. Dadurch kann die Selbstbehandlung erschwert oder verhindert werden, was wiederrum zur Verstärkung der emotionalen Probleme beiträgt.

Dieser Teufelskreis sollte beizeiten durch psychotherapeutische Maßnahmen durchbrochen werden.

Akzeptanz

Aus der Diabeteskrankheit und seiner Therapie ergeben sich nach der Diagnosestellung schlagartig neue Rahmenbedingungen für die Gestaltung des Lebens. Deren Berücksichtigung ist mit Anforderungen verbunden: Stoffwechselselbstkontrolle, Einnahme von Medikamenten bzw. Insulin-Injektionen, verändertes Essen, Einschränkung der Spontaneität usw. Manchmal müssen private und berufliche Ziele aufgegeben oder zurückgeschraubt werden, weil sie mit dem Diabetes und seiner Therapie bei einer selbstverantwortlichen Lebensweise nicht vereinbar sind.

Sofern die veränderten Lebensbedingungen und -anforderungen entschieden als Herausforderung aufgenommen werden können, müssen sie einer aktiven und erfüllten Lebensgestaltung nicht im Wege stehen.
Und das heißt nicht, dass man resigniert, sondern beharrlich und zielgerichtet versucht, seine Diabetesführung zu verbessern, mit Ruhe und Gelassenheit und ohne Übertreibungen.

Ein versöhnliches Verhältnis zu seinem Diabetes zu entwickeln, ihn als untrennbaren Teil von sich selbst anzunehmen ohne vermindertes Selbstwertgefühl, ohne mit dem Schicksal zu hadern und ohne die mit dem Diabetes verbundene Realität zu leugnen, ist eine beachtliche Leistung, die zu erbringen viele Betroffene verständlicherweise ihre Not haben.

Aber wer es dann schafft, das "Problemgebirge Diabetes" zu bewältigen, wird vielleicht auch andere nicht-diabetestypische Probleme selbstbewusster, aktiver und erfolgreicher anzugehen wissen. Er wird mit seinen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, seinen Fähigkeiten, die evtl. auch noch entwickelt werden müssen, seiner weiteren Lebenszeit und seiner Gesundheit vielleicht sogar bewusster und verantwortungsvoller umgehen als bisher.

Probleme im sozialen Bereich

Ebenso wie Stoffwechselgesunde können auch Diabetiker Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen haben, in Familie, Beruf und Freizeit. Die diabetesbedingten Anforderungen können besondere Rücksichtnahme seitens der Mitmenschen erfordern. Um deren Verständnis kann man z.B. werben, indem man sie über seinen Diabetes und die Therapienotwendigkeiten informiert.
Zuweilen müssen die eigenen Wünsche und Forderungen (Zwischenmahlzeiten und Testen) auch sehr selbstbewusst vertreten werden. Zu beachten ist allerdings auch, dass man sich bei Leistungsanforderungen nicht allzu bequem mit Hinweis auf seinen Diabetes zu entziehen versucht und somit die Toleranzbereitschaft des anderen überfordert.

Ängste und Probleme im Umgang mit Diabetes

Zu Beginn bzw. im Verlauf des Diabetes können emotionale Probleme auftreten, die die Selbstbehandlung erschweren.
Dazu zählen z.B. Ängste vor:

  • den diabetischen Folgeerkrankungen
  • dem "Stechen" für Blutzuckerselbstkontrolle und Insulininjektionen)
  • den Unterzuckerungen bzw. deren mangelnde Wahrnehmung
  • Probleme, die mit der Einhaltung einer "Diabetesdiät" verbunden sein können

Für diese Probleme stehen bewährte psychologische Therapieverfahren zur Verfügung.

Veränderung von Verhaltensweisen

Besondere Risikofaktoren für die Gesundheit des Diabetikers sind Übergewicht, Rauchen und Alkoholgenuss im Übermaß. Da es sich dabei häufig um langjährige und eingeschliffene Gewohnheiten handelt, kann sich der Einzelne schwer tun, diese trotz guter Vorsätze aufzugeben. Meistens kann er schon auf eine Reihe vergeblicher Bemühungen verweisen.
Als besonders wirksam bei der Veränderung von Verhaltensweisen haben sich verhaltenstherapeutische Konzepte erwiesen.

Psychologen aufsuchen

Als mündiger Patient sollte man sich nicht scheuen, im Bedarfsfall einen diabeteserfahrenen Psychologen aufzusuchen und von den vorhandenen psychologischen Therapieansätzen Gebrauch zu machen.

Sie können helfen:

  • eine bessere Einstellung zum Diabetes zu bekommen
  • die veränderten Anforderungen zu akzeptieren
  • soziale Kompetenzen zu entwickeln, um ihre Bedürfnisse gegenüber den Mitmenschen angemessen zu vertreten
  • Verhaltensschwierigkeiten und Lebenskrisen zu meistern
  • Gefühle der Hilflosigkeit und Mutlosigkeit zu überwinden

Der erste Schritt zur Überwindung der genannten Schwierigkeiten kann bereits darin bestehen, sie zu erkennen und einzusehen, dass man allein mit der herkömmlichen Art und Weise nicht gut genug zurechtkommt, um den Diabetes in den Griff zu bekommen. Damit gibt man seine Verantwortung nicht für sich selbst auf und das Problem an den Psychologen ab, sondern man geht für eine begrenzte Zeit und um ein bestimmtes Ziel zu erreichen ein Arbeitsbündnis mit dem Psychologen ein, um die Selbstbehandlung auf Dauer zu verbessern.

Quelle: aus dem Schulungsbuch für Diabetiker von Gerhard-W. Schmeisl